| KUNSTSAMMLUNG
EUROPA IN BEWEGUNG |
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Die Geburt einer Sammlung :
1. Historischer Hintergrund
In einer Augustnacht des Jahres 1961, mitten im Kalten Krieg, wurde in Berlin der Bau einer ‚Mauer‘ begonnen, die künftig die ehemalige deutsche Hauptstadt teilen und Tausende von Familien trennen sollte.
Als eine Absurdität der Geschichte, auf dem Tiefpunkt der Völkerverständigung, wurde die ‚Berliner Mauer‘ während beinahe dreißig Jahren zum Symbol für die Teilung Europas und der Welt. Die Begriffe „Ost“ und „West“ entfalteten vollends ihre traurige Bedeutung.
Und plötzlich, am 9. November 1989, nimmt die Geschichte einen
rasanten Verlauf und es geschieht etwas, was sich kaum voraussagen ließ:
Der Fall der Mauer in Berlin.
Die ‚Mauer‘ fällt, und eine Bresche wird geschlagen, die zur
Hoffnung eines ganzen Volkes wird, und die darüber hinaus auch manchen
Europäer von einem vereinten Europa träumen läßt.
In der Hoffnung auf eine neue Epoche geht Europa in die 90er Jahre.
Das Ende des drei Jahrzehnte währenden Kalten Krieges und zugleich
die Öffnung eines neuen ökonomischen, sozialen und kulturellen
Marktes. Die Menschen lernen sich zu begegnen; Europa enthüllt sein
neues Gesicht.
2. Eine einzigartige Sammlung / Eine schwere Geburt
Im November 1989, unmittelbar nach dem ‚Mauerfall‘, beschließt
eine Schweizer Société de Communication ein originelles Projekt:
den Erwerb von dreißig unbemalt gebliebenen Teilen der Berliner Mauer,
verbunden mit der Aufforderung an dreißig international anerkannte
zeitgenössische Künstler (Maler und Bildhauer), als Ausdruck
der wiedergewonnenen Freiheit, ihr Talent unter Beweis zu stellen.
Das Vorhaben dient einem humanitären Zweck; die auf diese Weise
gestalteten Stücke sollen Gegenstand einer humanitären Aktion
sein, die zur Hilfe für benachteiligte Kinder bestimmt ist.
Von (ost-) deutschen Behörden werden offizielle Sondergenehmigungen erteilt. Dreißig Fragmente von jeweils 1,20 m x 1 m (300 kg) aus jenem Teil der Mauer, der im sogenannten „Niemandsland“ stand, und auf denen sich daher keinerlei Graffitispuren befinden, werden nun entnommen und in jene Länder versandt, aus denen die ersten dreißig Künstler sich zur Teilnahme bereiterklären.
Nach einigen Monaten, als die Sammlung Gestalt annimmt, zeigt sich, daß die Schweizer Organisatoren in ihrer Euphorie für das Projekt die damit verbundenen Kosten (insbesondere die Transportkosten) offenbar unterschätzt haben, so daß die finanziellen Mittel fehlen, um die einzelnen Werke wieder zu einem Ganzen zusammenzuführen und damit das Projekt zum Abschluß zu bringen.
Bereits 1990 verkaufen sie ihr Projekt an Pascal Jeandet, einen französischen
Geschäftsmann aus der Immobilienbranche.
3. Die ersten Schritte
Pascal Jeandet gründet die Association Pascal Jeandet und bittet
einen Fachmann für Kunstausstellungen, Sylvestre Verger, die Präsentation
der Sammlung in der ganzen Welt zu organisieren. Sylvestre Verger, der
gerade eine Picasso-Ausstellung für große Museen in Japan durchführt,
und dessen Familie eine der größten Gesellschaften für
den Transport von Kunstobjekten in Frankreich besitzt und leitet (International
Art Transport, IAT), unterzeichnet im Dezember 1990 einen Organisationsvertrag
mit der Association Pascal Jeandet.
Seine erste Sorge ist vor allem, die 300 kg schweren Basreliefs
aus Beton zu schützen, sie wieder transportfähig zu machen und
ihre Aufstellung zu erleichtern, damit sie als Objekt einer internationalen
Vorführung dienen können. Nun appelliert er an einen amerikanischen
Künstler, der in Paris arbeitet, Elemente aus Metall für die
Präsentierung der Werke zu entwerfen. Diese Elemente sollen wie eine
Beschwörung der Freiheit sein. Steiner entscheidet sich für einen
„post-Eiffel“-Stil.
Bereits im März 1991 wird die Sammlung in Madrid im Centro Conté
del Duqué unter der Schirmherrschaft des Madrider Bürgermeisters
gezeigt; im Mai 1991 dann im Royal College of Art in London unter der Schirmherrschaft
des Kulturministers in London.
4. Die Sammlung in Gefahr
Zum Zeitpunkt, als eine Präsentation
der Sammlung in Moskau vorgesehen ist, muß Sylvestre Verger feststellen,
daß Pascal Jeandet keine seiner Verpflichtungen gehalten hat, womit
die Lieferanten der Ausstellung in eine äußerst schwierige Situation
geraten. Jeandet befindet sich aufgrund der Immobilienkrise in Frankreich
in einer mehr als kritischen Lage und meldet den Konkurs aller Gesellschaften
an, die er kontrolliert. Die Kollektion liegt nun eingeschlossen bei einem
Londoner Spediteur und scheint in einer juristisch schier ausweglosen Lage
gefangen zu sein.
5. Eine gelungene Rettungsaktion
Sylvestre Verger, dem der historische Wert der Sammlung bewußt
ist, tut jetzt alles, um zu verhindern, daß die Werke in alle Welt
zerstreut werden, um so die Sammlung zu retten. Zunächst gewinnt er
seinen Prozeß gegen die Association Pascal Jeandet in Paris und läßt
das Urteil in London für rechtskräftig erklären. Der Londoner
High Court erlaubt die Beschlagnahmung der Werke bei dem englischen Spediteur.
Das Auktionshaus Phillips wird durch den High Court mit dem Verkauf
der Werke zugunsten der Gläubiger (Organisatoren, Spediteure, Versicherer
...) beauftragt. In Anbetracht der Krise auf dem Markt für Gegenwartskunst
(1992) und angesichts der technischen Kosten, die dem Haus Phillips bei
einem solchen Verkauf entstehen würden, schlägt letztenendes
Philipps dem High Court eine gütliche Einigung und den Direktverkauf
der Werke aus der Kollektion beispielsweise an Londoner Galerien vor. Sylvestre
Verger, der zur selben Zeit gerade mit einer große Modigliani-Ausstellung
für Japan, die Schweiz und Italien beschäftigt ist, bittet den
Versicherer seiner Ausstellung sowie einen befreundeten Sammler in Paris
um finanzielle Unterstützung, um die Sammlung zu retten und ein Auseinanderfallen
der Werke zu verhindern.
Mit seinen zwei Partnern gründet er die Art Liberté
GmbH. Diese Gesellschaft unterbreitet dem High Court 1993 einen Vorschlag
zum Ankauf der Sammlung. Das Angebot wird per Gerichtsbeschluß am
14. Juli 1993 angenommen.
Die Sammlung wird nach Paris rücküberführt und Ende 1993 dort eingelagert. Alle beteiligten Künstler sind durch Art Liberté von den neuen Besitzverhältnissen informiert. Art Liberté wird also Eigentümerin der Werke; die Verwaltung wird der SVO Art anvertraut, einer Produktionsgesellschaft von Sylvestre Verger.
Nachdem auch diejenigen Werke wieder hinzugefügt werden konnten,
die von bestimmten Künstlern nicht an Pascal Jeandet übergeben
worden waren, ist die Sammlung schließlich vollständig. Art
Liberté beginnt, die einzelnen Teile wieder als ein Ganzes zusammenzustellen
und bittet den Bildhauer Adam Steiner, die fehlenden Elemente für
die Präsentierung auszugestalten.
6.Die Geburt der Ausstellung zur Sammlung
Was nun folgt, ist die Überlegung, in welcher Art und Weise die Sammlung in Zukunft dem Publikum gezeigt werden soll.
Da man die Werke keinesfalls als bloße Kuriositäten ausstellen will und auch eine Verwechslung mit jenen bemalten Berliner Mauerrelikten, die während des Bestehens der Mauer entstanden waren, vermeiden will, beschließt Sylvestre Verger, eine Ausstellung über Europa zu organisieren, in welcher die Werke ihre volle Dimension und Symbolkraft entwickeln können, und überzeugt auch das Commissariat Général von dieser Idee. Die Zeugnisse der Künstler (historische Zeichen, Perspektiven oder Abweichungen) werden in dieser Ausstellung gemeinsam mit der Geschichte Europas und Berlins präsentiert, von der Teilung des Kontinents nach der Konferenz von Jalta bis zum Aufbau Europas.
Sylvestre Verger nimmt zunächst Kontakt auf zu Hélène
Carrère d’Encausse, Mitglied der Académie Française
und Europaabgeordnete, vor allem aber eine große Spezialistin für
osteuropäische Geschichte und bittet sie, einen Text über die
Wiedergeburt Europas zu schreiben. Anschließend kontaktiert er zwei
ihrer ehemaligen Schüler vom Institut d’Etudes Politiques in Paris.
Alle beide haben sich auf europäische Geschichte spezialisiert und
promovieren am Französischen Forschungszentrum für Sozialwissenschaften
(Centre Français de Recherche en Sciences Sociales) in Prag. Auf
auf Bitten von Sylvestre Verger verfassen sie die historischen Begleittexte
zur Ausstellung.
7. Die Ausstellungen
Die erste Austellung wird 1996 in Lyon eröffnet, wo im gleichen
Jahr auch das G 7-Treffen stattfindet. Anläßlich des 7. Jahrestages
des Mauerfalls steht die Ausstellung im Zentrum für zeitgenössische
Kunst in Lyon (Espace Lyonnais d’art contemporain; ELAC) unter dem Titel:
DIE BERLINER MAUER „30 Künstler für Freiheit“. Sie wird ein großer
Erfolg und erhält sogar Besuch vom Ehepaar Gorbatschow. Michael Gorbatschow
gibt dabei eine Erklärung ab, die von der ARD übertragen wird
und beglückwünscht die Organisatoren im goldenen Buch der Ausstellung.
Eröffnet wurde sie durch den Bürgermeister von Lyon, Raymond
Barre, den deutschen Botschafter in Frankreich, Immo Stabreit und den Leiter
des Goethe-Instituts von Lyon, Dietrich Sturm. Sie steht unter der Schirmherrschaft
des Generalsekretärs des Europarats, Daniel Tarschys. Die Agence de
Presse Photo SIPA stellt die Bilder zu den historischen Begleittexten;
der europäische Kultursender Arte, Partner der Ausstellung, beteiligt
sich an den Kosten.
Aus Hochachtung vor dem Engagement der Künstler im Jahr 1989 und ohne die geringste Verpflichtung dazu, organisiert Sylvestre Verger parallel zu der Ausstellung in Lyon eine Aktion für Kinder. Zusammen mit der Gesellschaft „Kinder von Mekong“ veranstaltet er einen Wohltätigkeitsabend, dessen Erlös die Operation eines jungen Kambodschaners ermöglicht. Zusätzlich sind 15% des Eintrittsgeldes der Lyoner Ausstellung für die SLEA (Société Lyonnaise pour l’Enfance et l’Adolescence) vorgesehen, eine Gesellschaft, die sich für Kinder engagiert, insbesondere für Kinder aus den sozial schwachen Vororten dieser Stadt.
1998 wird die Ausstellung in Nicosia gezeigt, der letzten geteilten
Hauptstadt in der Welt, unter dem Titel: Europa in Bewegung - Die Berliner
Mauer - Künstler für Freiheit.
Die Geschichte Europas als Partitur, dieses Mal illustriert von
Fotos der französischen Presseagentur (Agence France Presse) wird
in griechischer und englischer Sprache auf Notenpulten gezeigt. Die Musik
von Johann Sebastian Bach, die Miroslav Rostropovitch am Tag nach dem Mauerfall
spielte, vertont die Ausstellung.
In Nicosia steht die Ausstellung unter der Schirmherrschaft des französischen Staatspräsidenten, Jacques Chirac, des Präsidenten der Republik Zypern, Glafcos Clerides, und des Generalsekretärs des Europarats, Daniel Tarschys.
Die Partner der Ausstellung sind diesmal der Fernsehsender Euronews
sowie die französische Presseagentur AFP.
8. Eine lebendige Sammlung
Für diese Ausstellung im Stadtzentrum der Künste von Nicosia,
die gewissermaßen am Vorabend sowohl des 50. Jahrestags des Europarates
als auch des 10. Jahrestages des Mauerfalls gezeigt wird, erhält Sylvestre
Verger zusätzliche Mauerstücke, die aus einem noch bestehenden
Teil des Niemandslandes im Osten von Berlin stammen - Stücke ganz
ähnlich denen, die 1989 an die Künstler gegeben worden waren.
Auf seinen Vorschlag hin wird vom zypriotischen Ministerium für Bildung
und Kultur ein Wettbewerb für Künstler dieses Landes organisiert,
aus denen er den Preisträger auswählt.
So kommt es, daß der zypriotische Künstler Theodoulos
mit seinem Werk „Green Line“ zur Sammlung hinzutritt.
Die Idee ist ganz einfach: Indem die Sammlung durch Werke ergänzt
wird von Künstlern aus den europäischen Ländern, die noch
nicht in ihr repräsentiert sind, bleibt sie lebendig.